Nachbarschaft Paderborn Ost

Leben, wo die Sonne aufgeht

Experiment „Kreatives Schreiben“ – Erfahrungen von Stefanie Lehmann

Veröffentlicht am 05.05.2020

Steffis letzter Impuls in ihrem Angebot zum kreativen Schreiben an die Schreiberlinge lautete „Frag öfter mal WARUM oder WOZU!“ Daraus hat sich ein positives Fazit aus Sicht der Initiatorin ergeben.

  • Warum hast du das Experiment angeboten?

Ich habe das Experiment angeboten, weil ich eigentlich Ende Mai einen „Präsenzworkshop“ für einen Abend geplant hatte, dieser jedoch durch die Pandemie wohl nicht stattfinden kann. Ich war neugierig, wie viel Inspiration ein Onlinekurs via E-Mail geben kann, wenn ohne großartige technische Voraussetzungen das soziale Miteinander fehlt.

  • Warum war es für dich eine interessante Woche?

Es war interessant, weil ich nicht damit gerechnet habe, dass sich so viele Interessierte melden. Erstaunt war ich auch darüber, dass sich unterwegs nur sehr wenige Schreiberlinge still verabschiedet oder zumindest nicht den Austausch gesucht haben.

Interessant auch deshalb, da ich sowohl die negativen Seiten (das fehlende soziale Miteinander und damit verbunden, weil man sich nicht sieht und kennengelernt hat, eine gewisse Zurückhaltung an den Tag legt), als auch die erstaunlich positiven Seiten der Anonymität entdecken konnte: Gerade weil jeder quasi allein war, gerade deshalb haben sich einige getraut, ohne von den anderen beeinflusst zu sein oder sich messen zu müssen, richtig aus sich herauszukommen. Es war inspirierend für mich zu erfahren, wie ganz unterschiedlich Menschen – ohne direkten Austausch mit anderen – agieren, was sie schreiben und welche Vielfalt aus den „gleichen“ Impulsen an alle erwacht ist. Wenn ich das im Vergleich dazu zu einer Schreibwerkstatt außerhalb des virtuellen Raumes vergleiche… sehr spannend.

  • Was hast du dazu gelernt?

Ich habe dazugelernt, dass das soziale Miteinander wichtig ist und Vertrauen schafft, weil man sich als Gruppe kennenlernt und dann denen offenbart, die man sympathisch findet. Gelernt habe ich auch, dass man sich alleine losgelöst von Rollenbildern kreativ entfalten kann, weil man sich nicht vergleichen kann (und muss).

  • Wie fühlst du dich?

Ich fühle mich großartig, denn es hat mich inspiriert, die ganz unterschiedlichen Texte/Geschichten/Briefe und Gedichte zu lesen, die zum großen Teil nicht für „die Öffentlichkeit“ bestimmt waren. Es bedarf einer Menge Vertrauen, sehr persönliche Texte an jemanden zu schicken, den man nicht kennt. Vielen Dank für das große Vertrauen der Schreiberlinge.

  • Wozu wirst du die Erkenntnisse und Erfahrungen nutzen?

Ich werde die Erkenntnisse und Erfahrungen, dass Menschen sehr unterschiedlich sind, dafür nutzen, um mich in neuen Projekten gezielt auf bestimmte Altersgruppen auszurichten. Für mich war es schade, dass niemand zwischen 15 und 30 an Bord war. Ich habe mich gefragt, welche Interessen diese Generation pflegt bzw. wo die sich aufhalten. Eine Antwort habe ich schon gefunden und „dort“ ein neues Abenteuer gestartet. Mir wurde angeboten, gemeinsam mit einem renommierten Autor und Schauspieler ein Buch für junge Studenten zu schreiben. Da konnte ich definitiv nicht nein sagen 😊

  • Wie viele Teilnehmende haben sich bereit erklärt, etwas über sich preiszugeben und Texte auf der Homepage zu veröffentlichen?

Das wird man noch sehen, wie viele bereit sein werden, zeitnah etwas zu veröffentlichen. Wir haben die Frist zum Einsenden nach hinten verschoben. Tendenziell werden es eher wenige sein. Das könnte daran liegen, dass einige an sehr persönlichen Ideen geschrieben haben und „nicht mal nur eine Übung“, die man ohne weiteres zeigen bzw. veröffentlichen mag. Insbesondere zwei Teilnehmer haben ganz große eigene Projekte angeschoben, worüber ich mich sehr für diese beiden Schreiberlinge freue. Das macht mich glücklich. Es haben sich fast alle bereit erklärt, etwas über sich preiszugeben, wenn auch nur im geschützten Raum. Vielen Dank für euer Vertrauen, mich an euren teils sehr persönlichen Werken teilhaben zu lassen.

  • Haben sich Teilnehmende für eine reale Gruppe nach Corona gemeldet?

Ja, bisher klein aber fein 😉, aber mal abwarten, wann wir uns live treffen können. Gerade diejenigen, die jetzt voll in ihre eigenen Projekte abtauchen, haben keine Zeit und keine Lust auf regelmäßigen Austausch. Das kann ich gut nachvollziehen. Die Gruppe wird sehr heterogen. Man wird sich finden, kennenlernen und dann mal schauen, was sich kreativ-inspirierend ergibt.

  • Wie denkst du über einen kurzen Erfahrungsbericht von dir auf der Homepage des Vereins?

Ihr könnt gerne dieses Interview veröffentlichen 😉

  • Wie ist es dir ergangen mit den vielen Aktiven? Konntest du die Rückmeldungen alle „verdauen“ und sortieren?

Mir ist es mit den 17 Teilnehmern sehr gut ergangen. Gerechnet hatte ich mit 7, gehofft auf 10. Dass es 15 „alte“ und 2 „junge“ Schreiberlinge werden würden… damit habe ich niemals gerechnet.
Es wurden teils sehr persönliche Ideen an mich herangetragen und um Feedback gebeten. Die Werke waren völlig unterschiedlich, von einem Gedicht über einen Baum, einen Brief an einen Politiker bzw. als Leserbrief für eine Zeitung zu einem kontroversen Thema sowie einige Texte, wie man sie in Tagebüchern finden kann, persönliche Gedichte usw.

  • Hat es dich viel Zeit gekostet?

Der Zeitaufwand hat sich im Rahmen gehalten und war in etwa so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Alles gut.

  • Wie ist es dir gelungen durchzuhalten und Energie zu tanken?

Durchhalten? Ich schreibe jeden Tag. Daher war es für mich nur eine teilweise etwas andere Art, meine Zeitfenster des täglichen Schreibens mit den 11 E-Mails an alle sowie den individuellen Rückmeldungen an einzelne Schreiberlinge zu füllen. Das Schreiben ist für mich eine Gewohnheit wie das tägliche Zähneputzen – nur dass ich fürs Schreiben deutlich mehr Zeit aufwende, als ich insgesamt im Badezimmer verbringe. 😉

Energie getankt habe ich aus den Texten einiger Schreiberlinge, z. T. für die Texte anderer kreativer angehender Autoren, die teils tief unter die Haut gingen. Puh. Auch ich habe mich inspirieren lassen. Vielen Dank für euren Input, liebe Schreiberlinge. Die Energiebilanz ist insgesamt positiv für mich ausgefallen.
Insbesondere freut es mich für eine Teilnehmerin, die es endlich geschafft hat, einen lang ersehnten Schreibtraum anzufangen. Liebe M., ich wünsche Dir alles Gute und viel Erfolg dafür. Auch mit einer Lese-Rechtschreibschwäche kann man großartige Dinge schreiben – und später von einem professionellen Korrektorat/Lektorat in die finale Spur bringen lassen. Ich freue mich, wenn Du mir zur gegebener Zeit das fertige Buch zum Schmökern gibst.

  • HERZLICHEN DANK für Deine wunderbare Idee und Deinen engagierten Einsatz für die Gruppe der Schreiberlinge!

Das kann ich nur so zurückgeben. Vielen Dank auch an den Verein, den „Raum“ für dieses Experiment zu schaffen 😊